Ich, Manuela Keil, ehemals Keilholz, wurde 1960 im Osten Berlins geboren und wuchs in einem linientreuen Elternhaus auf. Im Alter von etwa 18 Monaten bis 6 1/2 Jahren wurde ich die ganze Woche in einer Wochenkrippe bzw. ab 3 Jahren in einem Wochenheim fremdbetreut, während meine Eltern Ihrer Arbeitspflichten nachgingen und sich meinen eineinhalb bzw. vier Jahre älteren Halbbrüdern widmen konnten.
Somit wurde ich von frühester Kindheit an, sehr sozialistisch erzogen. Mit knapp 7 Jahren kam ich in meine Familie. Ich wollte sie endlich näher kennen lernen und bemerkte schon sehr bald wie fremd mir meine Halbbrüder und meine leiblichen Eltern doch waren.
Ich beendete die 10. Klasse der POS durch großen eigenen Fleiß mit sehr gutem Abschluss und erlernte auf Anraten meiner Mutter den Beruf „Facharbeiter für Fernschreibverkehr“. Ursprünglich wollte ich das Abitur machen, doch dies war weder vom Staat gewollt, noch von der Mutter gewünscht. „Du brauchst dann nur 18 Monate Lehrzeit und hast dann einen Facharbeiter. Dann kannst du auch ausziehen und deinen Freund heiraten.“ Welche Mutter schlägt soetwas seinem Kind, das locker das Abitur hätte machen können, vor?
Obwohl ich eigentlich Kindererzieherin werden wollte, folgte ich dem erneuten richtungsgebenden Rat meiner Mutter und wechselte nach Abschluss der Lehre 1980 in den Staatsdienst der DDR. Ich wurde jedoch nie Befehlsempfängerin und begann eine Tätigkeit als Sachbearbeiterin bei der Kriminalpolizei.
Nach dem Wegfall der innerdeutschen Grenze war ich psychisch am Boden. Ich zog mich sofort aus dem politisch aktiven Leben und allen gesellschaftlichen Aktivitäten zurück, für die ich zuvor all meine Kraft gegeben hatte.
2011 begann ich eine Psychotherapie und mit ihr die Reflexion meines Lebens. Nach und nach wurde mir klar, wie sehr ich mit diesem System verbunden und indoktriniert war. Ich begann etwa 2012 Fragen zu stellen, doch niemand wollte meinen Weg der Suche nach Antworten mit mir gehen. Niemand wollte oder konnte meinen Wissensdrang verstehen. Weder in der Familie noch im persönlichen Umfeld.
2015 habe ich Berlin und dem bisherigen Umfeld den Rücken gekehrt. Zum ersten Mal habe ich Freunde gefunden, die bereit waren, mir zuzuhören und mit mir nach Antworten zu suchen. Dass ich mich in einer tiefen Identitätskrise befand, wusste ich damals noch nicht.
Ich lernte Gerd Keil kennen, der 1986 wegen Fluchthilfe verraten, verhaftet und 1989 durch die Bundesrepublik freigekauft wurde. Sein Buch "Wertvolle Freiheit" und das von Ruth Hoffmann "Stasikinder - Aufwachsen im Überwachungsstaat" bestimmten mein ganzes weiteres Leben. Bei ihnen fand ich Antworten, die mir die Augen öffneten.
So entstand zwischen Gerd Keil und mir zunächst eine Freundschaft, aus der sich über die Zeit gemeinsamen Suchens nach den Wahrheiten eine Liebe entwickelte, die es zu Ostzeiten nie gegeben hätte.
Durch ihn und in meinem neuen Leben, dass ich 2015 in Niedersachsen begann, konnte ich mich frei machen. Frei von alten Verhaltensweisen, frei von Menschen, die mich verletzt und fallen gelassen haben. Ich wollte mein tief vergrabenes SELBST zurückholen.
Ich bereue nicht, diesen steinigen und schweren Weg gegangen zu sein. Denn nur so konnte ich herausfinden, warum ich so war, wie ich war.
Ich habe ein neues Leben in einer neuen Welt, mit wahren Freunden und Wegbegleitern gefunden. Auf diesem Weg, Gott sei es gedankt, habe ich Schutz und Trost erfahren. Ich glaube fest daran, dass ich eine ganz besondere Gotteserfahrung erleben durfte. Ein Jahr später war ich so unglaublich fest entschlossen, mich taufen zu lassen. Als ich am Taufbecken stand und der Pastor mir seine Hand auf dem Kopf legte, fühlte ich den selben Wärmestrahl durch meinem Körper fließen, wie bei der ersten Begegnung mit Gerd.
In meiner Tochter, die genau in der Nacht des Mauerfalls geboren wurde, fand ich meinen Lebenssinn zurück, der mir durch die revolutionären Veränderungen verlorenging.
Ich bin überaus glücklich und stolz, dass meine Tochter ausgerechnet in der Nacht des Mauerfalls geboren wurde. Mit ihr kompensierte ich all die schmerzlichen Erfahrungen des Betruges durch die Partei und der Menschen, denen ich vertraute, waren nicht mehr da für mich. Niemand begriff, dass dies mein Weg der inneren Befreiung war.
Meine Tochter und Ihr Mann, sowie die beiden Enkelkinder sind heute meine Familie. Und ich bin stolz, dass sie miteinander glücklich verheiratet und inzwischen zwei wunderbare Kinder haben. Eine junge Familie, die für mich sehr wichtig geworden ist.
Mit unseren Gedanken werden Gerd und ich immer bei ihnen sein und die vielen Kilometer, die zwischen uns liegen, werden für uns dabei unbedeutend.
