Wochenkrippe und Wochenheime in der DDR
ENDLICH - Wochenkinder finden Gehör
Wer sind die Wochenkinder?
Unter dem Begriff Wochenkinder sind alle Kinder, die in einer wöchentlichen Fremdbetreuung in sogenannten Wochenkrippen (Alter 6.Lebenswoche bis zum 3. Lebensjahr) bzw. die Weiterführung in den Wochenheimen (ab 3. Lebensjahr bis zum Schuleintritt) aufgewachsen und für das Leben in der DDR erzogen wurden. Dies von Montag früh bis Samstagnachmittag ohne Unterbrechung und ohne Kontakt zur Familie. Auch im Krankheitsfall der Kinder wurde davon nicht abgesehen. Ein Kind das am Wochenede erkrankte, kam am Montag als Wochenkind wieder in diese Einrichtung. Falls erforderlich, wurden von dem Personal Ärzte hinzugezogen.
Ich empfehle die Doku „Wenn Eltern Fremde sind“ anzuschauen. Die Aussagen der Protagonisten könnten auch von mir sein. Ich erkenne mich in beinahe allem wieder. Wenn Sie sich für dieses Thema interessieren finden Sie bestimmt weiteres dazu im Netz.
Hier etwas mehr an Text dazu:
Sozialismus Die Wochenkrippen-Kinder der DDR
Von Lotta Wieden
Viele DDR-Kinder verbrachten ihre Kindheit in Wochenkrippen, mit oft weitreichenden Folgen. Forschungsergebnisse, die auf die Nachteile für die Entwicklung der Kinder hinwiesen, unterdrückte die DDR. Heute arbeiten Betroffene und Forscher die Folgen auf.
Wochenkrippen-Kinder. Die meisten von ihnen dürften heute zwischen 40 und 60 Jahre alt sein. Wie viele es genau gewesen sind? Niemand weiß es. Denn bislang gibt es kaum Untersuchungen zu diesem Thema. Eigene Hochrechnungen zeigen jedoch, dass auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zwischen 1949 und 1989 Hunderttausende von Säuglingen und Kleinstkindern werktags in Heimen betreut wurden.
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Forschung unter Druck
Innerhalb von fünf Jahren, so das Gesetz, sollen auf dem Gebiet der DDR 160.000 Kindergartenplätze, 40.000 Kinderkrippenplätze und 60.000 Heimplätze für Kleinstkinder entstehen. In der Folge steigt allein die Zahl der Wochenheimplätze für Säuglinge und Kleinstkinder, später Wochenkrippen genannt, von 2.500 im Jahr 1950 auf etwa 14.300 im Jahr 1955. Zehn Jahre später, 1965, weist die Statistik bereits 37.900 Wochenheimplätze für Kinder unter drei Jahren aus. Begleitet wird der Ausbau von einer massiven Werbekampagne. Bis Mitte der 60iger Jahre werden Wochenkrippen als gleichwertige, wenn nicht bessere Alternative zur familiären Betreuung gepriesen.
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Die Mama als Fremde
Nur wenige Jahre später sind solche Interpretationen fast vollständig aus der DDR-Forschungsliteratur verschwunden. Auch über Formen des Hospitalismus: ausdruckslos vor sich hinstarrende Kleinkinder, die ihren Oberkörper vorwärts und rückwärts schaukeln oder ihren Kopf im Gitterbett immer wieder hin und herdrehen, darf nach dem Mauerbau nicht mehr geschrieben werden.
René Grünewald verbrachte seine ersten Lebensjahre in einer Wochenkrippe. Wie prägend diese Zeit für den heute 46-Jährigen war, lässt sich heute nur schwer sagen. Eigene Erinnerungen daran hat er nicht. Wohl aber an den Tag als seine Heimzeit plötzlich endet:
"Ich war dreieinhalb Jahre im Wochenheim und ich kann mich an den Tag erinnern, wo mir gesagt wurde, dass ich nicht mehr ins Wochenheim muss. Das ist ein Tag, wo ich allein auf einem Berliner Hinterhof mit meinem Dreirad fahre, auf einem Garagenhof. Und schleifenartig vor mich hinrede, dass diese Frau meine Mama ist und dass ich hier wohne. Das war ein sehr unwirkliches Gefühl, weil diese Frau, die mich zur Welt gebracht hat und mich dann bei sich aufgenommen hat, für mich eine fremde Frau war."
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Den ganzen Artikel können Sie hier gern lesen.
Sie sind auch ein Wochekrippen- und/oder Wochenheimkind und möchten sich austauschen oder informieren? Nehmen Sie gern Kontakt mit mir auf und auch auf der Homepage der Wochenkinder gibt es umfangreiche Informationen und auch eine Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe.
Es ist traurig genug, dass es diese Einrichtungen in der DDR überhaupt gegeben hat und als Errungenschaft propagiert wurden. Dass man aber um die vielen Defizite und Traumata dieser wochenweisen Fremdbetreuung wusste, die durch wissenschaftliche Gutachten in den 60ern belegt waren, einfach ignorierte und diese Einrichtungen immer weiter ausgebaut wurden, ist nicht zu verstehen.
Auch ich war von 1962 bis 1967 ein solches Wochenkind in einer kombinierten Wochenkrippen- und Wochenheimeinrichtung in der Schönhauser Allee nahe dem
U-Bahnhof Senefelder Platz in Berlin.
Als ich etwa 4 Jahre alt und schon über 2 Jahre in dieser wochenweisen Fremdbetreuung abgegeben wurde und dort 6 Tage (Montag früh um 6 Uhr bis Samstag mittags) in der Woche verbleiben musste, fragte ich meine Mutter des Öfteren: „Warum muss ich denn die ganze Woche da-bleiben?“. Ihre Antwort schien mir als 4jähriges Kind plausibel: „Was willst du denn allein Zuhause? Wir sind doch auch die ganze Zeit auf Arbeit.“
Ohne jeglichen Kontakt zu meiner Familie zu haben – ich hatte Eltern, zwei ältere Halbbrüder und einen leiblichen Bruder – mit ständig wechselnden Erzieherinnen wusste ich nicht, wo mein Zuhause ist. Ich wusste auch nicht, zu wem ich gehen kann, wenn ich Trost und Zuspruch brauchte.
Meine Familie lernte ich erst mit 7 Jahren kennen und glaubte nun, um meinen Platz in dieser Familie kämpfen zu müssen.
Bis zu meinem Zusammenbruch 2011, ich war 51 Jahre alt, glaubte ich noch daran, dass meine Kindheit normal verlaufen und mein Lebensweg bis zur Wende völlig in Ordnung schien.
Ich weiß davon, dass es viele DDR-Wochenkinder gibt, die ebenfalls erst in ihrer Lebensmitte sich auf die Suche nach Antworten zu ihrem Aufwachsen und zum eigenen „ICH“ begaben. Ich bin heute froh, dass wir Wochenkinder endlich Gehör bekommen und gemeinsam in Gesprächskreisen bzw. Selbsthilfegruppen uns gegenseitig stärken und ermutigen.
Ich war Teilnehmerin an der Studie der Uni Rostock und freue mich über die ersten Ergebnisse des 1. wissenschaftlichen Symposiums in der Rostocker Kunsthalle. Die Gespräche mit den Betroffenen machen Mut und geben uns Kraft.
Vom 21. April 2023 bis 23. April 2023 fand dieses Symposium zu dieser Thematik in der Rostocker Kunsthalle statt, zu der jede(r) Interessierte teilnehmen konnte. Ich war Teilnehmerin an allen Programmteilen und erlebte mich selbst hoch emotional. Die vielen (auch internationalen) Beiträge von Wissenschaftlern machten mich sprachlos, obwohl ich glaubte, dieses Thema schon fertig bearbeitet zu haben.
Hier der LINK zum Symposium im April 2023:
Und den Flyer der Kunsthalle Rostock finden Sie hier.
Mindestens einhunderttausend Kinder waren zwischen 1950 und dem Ende der DDR in sogenannten Wochenkrippen untergebracht. Die Kleinsten verbrachten Tag und Nacht in diesen Einrichtungen, damit die Eltern beim Aufbau des Sozialismus helfen konnten. Doch nicht nur in der DDR, sondern auch in anderen sozialistischen Staaten wie in der Tschechoslowakei glaubte man an die kollektive Dauerbetreuung der Kleinkinder. Diese Art der Unterbringung ist heute zurecht umstritten, denn sie hinterließen bei den Kindern seelische Wunden, die sie ein Leben lang begleiten.